Prof. Dr. med. Marie von Lilienfeld-Toal, Universitätsklinikum Jena
Die Lebenserwartung von Patienten mit multiplem Myelom hat sich in den letzten Jahrzehnten vervielfacht. Dies ist insbesondere der Einführung neuer Substanzen, die Myelompatienten aller Altersgruppen einen Überlebensvorteil verschaffen, zu verdanken. Ein tieferes Verständnis der Pathophysiologie durch präzisere Diagnostik ermöglicht eine zielgerichtete, möglicherweise auch individualisierte Behandlung. Allerdings können die raschen Neuentwicklungen auch verwirren und behandelnde Ärzte mit der Qual der Wahl allein lassen. Der EHA-Kongress 2017 konnte einige neue Studienergebnisse bieten, legte aber auch einen Fokus auf das Sortieren der gewonnenen Erkenntnisse und deren Einbindung in die klinische Praxis. Schwerpunkte waren die Fortschritte bei der Diagnostik und in der Immuntherapie, die möglicherweise auch einen Durchbruch in der Therapie der Amyloidose ermöglicht. Im Folgenden werden einige subjektiv ausgewählte Highlights des Kongresses ohne Anspruch auf Vollständigkeit vorgestellt.
Moderne Diagnostik und ihre Relevanz für die klinische Praxis
Ein wichtiges Thema der Beiträge zum multiplen Myelom in Übersichtsvorträgen und Debatten waren die Bemühungen um eine verbesserte Diagnostik. Dabei geht es primär um neuere Methoden wie Next-Generation-Sequencing (NGS), die in der Primärdiagnostik helfen können, Risikogruppen zu unterscheiden. Dies ist aktuell bereits in der Routine mittels FISH-Analysen möglich und kann zur Eingruppierung in die durch die International Myeloma Working Group definierte Einteilung führen (Tab. 1) [1].
Tab. 1: Zusammenfassung zytogenetischer Risikomerkmale nach der Einteilung der Myeloma Working Group (IMWG) (modifiziert nach
[1])
Diese Einteilung ist zunehmend Grundlage für die Auswertung prospektiver Therapiestudien und sollte daher unbedingt in der klinischen Praxis beachtet werden, um die Übertragbarkeit der Ergebnisse zu ermöglichen. Auf dem EHA-Kongress 2017 wurden mehrere große Studien insbesondere zur Kombination mit Daratumumab im Licht des zytogenetischen Risikos ausgewertet. Proteasominhibitoren sind eher in der Lage, den negativen Einfluss einer Hochrisikozytogenetik auszugleichen als andere Substanzen. Sie sollten deswegen in diesem Kollektiv bevorzugt eingesetzt werden. Zudem eröffnet eine vertiefte Diagnostik die Möglichkeit einer individualisierten Therapie. Für Venetoclax wurde dies bereits ansatzweise gezeigt [2], Näheres wird im Folgenden beschrieben. Ein weiterer Aspekt der verbesserten Diagnostik betrifft die Detektion minimaler Resterkrankungen (MRD) mittels NGS oder Durchflusszytometrie. Dies ist aktuell noch nicht klinische Routine, wird aber zunehmend an Bedeutung gewinnen, da sich eindrucksvoll zeigen lässt, dass Patienten mit weiterhin nachweisbarer Erkrankung auch auf MRD-Niveau schneller rezidivieren und früher sterben als Patienten ohne nachweisbare Erkrankung [3]. Auf dem diesjährigen EHA-Kongress wurde deutlich, dass der Nachweis von MRD inzwischen in fast alle großen klinischen Studien integriert ist und als Endpunkt verwendet wird.
Fazit
- Bei der Diagnostik des multiplen Myeloms gewinnt die Einteilung in Risikogruppen mithilfe zytogenetischer und molekulargenetischer Methoden zunehmend an Bedeutung.
- Die Einteilung in Risikogruppen eröffnet die Möglichkeit einer individualisierten Therapie.
- Der MRD-Nachweis als prädiktiver Faktor wird zunehmen wichtig.
„Die moderne Diagnostik des multiplen Myeloms kommt heutzutage nicht mehr ohne die Bestimmung des zytogenetischen Risikostatus aus. Im Zeitalter hoher Raten an kompletten Remissionen wird das Therapieansprechen zukünftig zunehmend auf dem Niveau der minimalen Resterkrankung beurteilt werden.“ Prof. Dr. med. Marie von Lilienfeld-Toal
Immuntherapie bei Plasmazellerkrankungen – Neues und Bekanntes
Bewährt und bekannt: Daratumumab
Daratumumab ist ein Antikörper gegen CD38, der sowohl direkte Antitumoreffekte ausübt als auch das Immunsystem stimuliert. Er ist inzwischen in der klinischen Praxis angekommen und sowohl als Monotherapie als auch in Kombination mit Bortezomib+Dexamethason oder Lenalidomid+Dexamethason bei Patienten mit rezidiviertem refraktärem multiplem Myelom (RRMM) zugelassen. Auf dem EHA-Kongress wurden mehrere Arbeiten zur Therapie mit Daratumumab vorgestellt [4, 5, 6, 7]. In einem Update des progressionsfreien Überlebens der beiden großen Studien zu Kombinationen mit Daratumumab bei Patienten mit rezidiviertem multiplem Myelom konnte die Wirkungsverstärkung durch Daratumumab eindrucksvoll bestätigt werden. (CASTOR: Daratumumab+Bortezomib+Dexamethason [DVd] versus Bortezomib+Dexamethason (Vd); POLLUX: Daratumumab+Lenalidomid+Dexamethason [DRd] versus Lenalidomid+Dexamethason [Rd]) Nach einem Follow-up von 19 Monaten (CASTOR) zeigte sich für DVd versus Vd ein medianes progressionsfreies Überleben (PFS) von 17 versus sieben Monate [6]. Nach einem Follow-up von 25 Monaten (POLLUX) zeigte sich für DRd versus Rd ein unerreichtes medianes progressionsfreies Überleben versus 18 Monate [7]. Es profitierten alle Patienten, auch diejenigen in der Hochrisikogruppe (Abb. 1) [5].
Abb. 1: CASTOR und POLLUX: Daratumumab in Kombination mit Bortezomib+Dexamethason oder mit Lenalidomid+Dexamethason führt zu einem verbesserten Überleben in allen zytogenetischen Risikogruppen (modifiziert nach
[5]).
Vor allem in diesem Kollektiv konnte nur durch DVd beziehungsweise DRd auch eine MRD-Negativität erreicht werden (14% der Hochrisikopatienten in der DVd-Gruppe und 21% der Hochrisikopatienten in der DRd-Gruppe). Von den Patienten mit MRD-Negativität hat bisher noch keiner ein Rezidiv erlitten.
Fazit
- Diese Daten bestätigen die gute Wirksamkeit der inzwischen zugelassenen Kombinationen DVd und DRd auch bei Patienten mit Hochrisikoprofil und illustrieren die klinische Relevanz der MRD.
Bewährt und bekannt: Elotuzumab
Für den zugelassenen CS1-Antikörper Elotuzumab wurden die Langzeitdaten der ELOQUENT-Studie (4-Jahres-Follow-up) bei Patienten mit RRMM vorgestellt [8]. Während das Gesamtüberleben nach vier Jahren für die Kombination Elotuzumab+Lenalidomid+Dexamethason (ELd) mit 50% noch nicht signifikant besser war als die 43% für die Kombination Lenalidomid+Dexamethason (Ld), bestätigte sich der deutliche Vorteil im progressionsfreien Überleben (PFS) nach vier Jahren mit 21% für ELd versus 14% für Ld. Insbesondere die Patienten mit einem sehr guten Ansprechen (≥ sehr gute partielle Remission [VGPR], ca. 30% der Patienten) profitierten deutlich von Elotuzumab, mit einem medianen PFS von 35 Monaten im ELd-Arm versus 26 Monate im Ld-Arm.
Fazit
- Wie erwartet bestätigt sich die Rolle von Elotuzumab in der Verlängerung des PFS und möglicherweise auch in der Verlängerung des OS.
„In der Abwägung zwischen diesen beiden Antikörpern erscheint Daratumumab als die bessere Wahl für Patienten mit raschem Rezidiv und hohem Therapiedruck. Wenn ein gutes Ansprechen zu erwarten ist, ist Elotuzumab vor allem für Patienten mit langsamem Rezidiv sehr gut geeignet, um die krankheitsfreie Zeit signifikant zu verlängern.“ Prof. Dr. med. Marie von Lilienfeld-Toal
Neu und unbekannt: Isatuximab
Wie man vielleicht erwarten kann, gibt es auch bei den Antikörpern gegen CD38 inzwischen eine zweite Generation: Isatuximab, ein neuer CD38-Antikörper, der möglicherweise besser verträglich ist und eine kürzere Infusionsdauer benötigt, wurde in Kombination mit Pomalidomid und Dexamethason beim rezidivierten multiplen Myelom in einer Phase-Ib-Studie vorgestellt [9]. Bei 26 Patienten mit median fünf Vortherapien zeigte sich ein Ansprechen ≥ PR von 65% (PR = partielle Remission). Allerdings ist zu sagen, dass die meisten Patienten trotz ihrer vielen Vortherapien auch bislang weder Pomalidomid und noch Daratumumab erhalten hatten.
Fazit
- In der Diskussion nach dem Vortrag wurde der Stellenwert von Isatuximab kritisch diskutiert und im Wesentlichen in der besseren Verträglichkeit gesehen. Belastbare klinische Daten bleiben abzuwarten.
Neu und unbekannt: Checkpointinhibition
Bei den allgemein positiven Erfahrungen mit Checkpointinhibitoren liegt es nahe, diese auch bei der Behandlung des multiplen Myeloms einzusetzen. Leider sind hier die Erfolge nicht so durchschlagend wie bei anderen Tumorentitäten, da mit der Monotherapie allenfalls eine stabile Erkrankung erreicht werden kann (hier mit Pembrolizumab [10]). Kombinationen mit immunmodulatorischen Substanzen wie Lenalidomid oder Pomalidomid werden zurzeit getestet. Dabei ist die klinische Effektivität vielversprechender. Allerdings bleibt abzuwarten, wie viel Verbesserung der Checkpointinhibitor wirklich bringt.
AL-Amyloidose – bringt die Immuntherapie mit Antikörpern gegen Amyloid den Durchbruch?
Die Behandlung der Amyloidose ist bisher trotz aller Neuentwicklungen unbefriedigend. Dies liegt vor allem daran, dass es nicht gelingt, das abgelagerte Amyloid zu entfernen. Deshalb kann die klinische Symptomatik durch eine Behandlung der Plasmazellerkrankung allenfalls aufgehalten und nur unbefriedigend verbessert werden. Auch vertragen Patienten mit AL-Amyloidose eine konventionelle Chemotherapie oft schlechter, was nicht nur durch die eingeschränkte Nierenfunktion zu erklären ist.
Vor diesem Hintergrund ist eine multizentrische Studie zur Induktionstherapie mit Bortezomib+Dexamethason vor einer autologen Stammzelltransplantation (ASCT) nach Melphalan 200 mg/m2 zu sehen, die von der HOVON-Gruppe aus den Niederlanden in Kooperation mit dem Amyloidosezentrum in Heidelberg durchgeführt wurde [11]. Fünfzig Patienten mit neudiagnostizierter AL-Amyloidose und Organmanifestationen konnten eingeschlossen und mit Bortezomib+Dexamethason behandelt werden. Davon konnten 35 schließlich transplantiert werden. Das hämatologische Ansprechen war mit 80% bereits nach der Induktionstherapie gut und wurde durch die ASCT, vor allem durch eine höhere Rate an VGPR/CR (51%), noch verbessert (CR = komplette Remission). Allerdings kam es durch Bortezomib zu signifikanten Toxizitäten (vor allem gastrointestinal und neuropathisch), die zu einer hohen Abbruchrate führten. Auch konnte die Therapie mit Bortezomib+Dexamethason nur bei 15 bis 25% zu einer Verbesserung der Nieren-, Herz- und Leberfunktion führen. Insgesamt blieb die Studie sowohl hinsichtlich der Durchführbarkeit als auch der Ansprechrate hinter den Erwartungen zurück, was die Schwierigkeiten bei der optimalen Behandlung der AL-Amyloidose unterstreicht.
Dies kann möglicherweise durch die Einführung eines Antikörpers gegen das AL-Amyloid, der zu einer Phagozytose des Amyloids durch Makrophagen führt, fundamental verändert werden. In einer Phase-I/II-Studie der Mayo-Klinik, an der insgesamt 69 Patienten mit vorbehandelter AL-Amyloidose und Organmanifestation (Herz, Nieren, Nerven) teilnahmen, konnte bei sehr guter Verträglichkeit eine Verbesserung der kardialen Funktion bei 53% der Patienten, eine Verbesserung der Nierenfunktion bei 64% der Patienten (Abb. 2) und eine Verbesserung der Polyneuropathie bei 82% der Patienten erreicht werden [12]. Kein Patient hatte unter der Therapie eine Verschlechterung seiner Symptome.
Abb. 2: Antikörper gegen AL-Amyloid (NEOD001): Verbesserung der renalen Funktion (modifiziert nach
[12])
Interessanterweise war das Ansprechen der klinischen Symptomatik unabhängig von der Qualität des Ansprechens der Plasmazellerkrankung. Das heißt, auch Patienten mit weiterhin vorhandenem Paraprotein profitierten von der Antikörpertherapie. Randomisierte Studien mit dem Ziel der Zulassung werden aktuell durchgeführt. In der Diskussion wurde klar, dass der Antikörper komplementär zu dem Versuch, die Plasmazellerkrankung durch Chemotherapie in Remission zu bringen, zu sehen ist – dennoch kann er für viele Patienten einen großen klinischen Vorteil bringen.
Fazit
- Diese neue Therapieoption kann die Behandlung der Amyloidose möglicherweise revolutionieren, da sie endlich eine deutliche Verbesserung der klinischen Symptome ermöglicht und nicht nur das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt.
„Für mich ist der Antikörper gegen Amyloid die klinisch relevanteste Neuentwicklung, die auf dem EHA-Kongress vorgestellt wurde.“ Prof. Dr. med. Marie von Lilienfeld-Toal
Innovationen im Aufwind: BCL-2-Hemmer und CAR-T-Zellen beim RRMM
Der BCL-2-Hemmer Venetoclax, der bereits erfolgreich bei der chronischen lymphatischen Leukämie (CLL) zum Einsatz kommt, wird nun auch bei der Therapie des RRMM erprobt. Mehrere Autoren konnten vielversprechende Ansprechraten in Phase-I-Studien mit der Kombination Venetoclax+Bortezomib+Dexamethason zeigen. Auch die Verträglichkeit erscheint gut [2, 13]. Erwähnenswert ist der deutliche Unterschied bei der Ansprechrate in Abhängigkeit von der BCL-2-Expression, wie von Ross et al. eindrucksvoll gezeigt. Die Gesamtansprechrate lag bei Patienten mit hoher BCL-2-Expression bei 94%, bei niedriger BCL-2-Expression bei 59% [2]. Auch Patienten mit t(11;14) scheinen davon eher zu profitieren, wenngleich der Unterschied nicht ganz so deutlich ist.
Fazit
- Venetoclax ist ein vielversprechendes neues Medikament, das aktuell für die Therapie des rezidivierten multiplen Myeloms untersucht wird.
„Für Venetoclax ergibt sich aktuell das größte Potential für eine individualisierte Therapie in Abhängigkeit von Genexpressionsanalysen.“ Prof. Dr. med. Marie von Lilienfeld-Toal
Wie bereits bei der Therapie der Leukämie scheinen auch bei der Behandlung des multiplen Myeloms CAR-T-Zellen ein vielversprechender Ansatz zu sein. Zhang et al. aus China stellten eine Studie mit 35 Patienten mit fortgeschrittenem multiplem Myelom (> 3 vorangegangene Therapielinien) vor [14]. Die Patienten wurden mit T-Zellen behandelt, die einen lentiviral transfizierten Anti-BCMA-Antigenrezeptor enthielten. Die Anti-BCMA-CAR-T-Zellen wurden aus einem autologen Leukaphereseprodukt hergestellt und den Patienten nach einer Konditionierungstherapie mit Cyclophosphamid verabreicht. Bei 29 von 35 Patienten (83%) trat circa zehn Tage nach der Infusion ein Zytokin-Release-Syndrom auf, meistens Grad I. Alle 35 Patienten sprachen an. Bei einer insgesamt noch sehr kurzen Nachbeobachtungszeit sind bisher zwei Patienten relativ rasch rezidiviert, die übrigen Patienten zeigen weiterhin ein sehr gutes Ansprechen mit 90% VGPR/CR. Dies gilt auch für extramedulläre Manifestationen. Bei den meisten Patienten waren die Anti-BCMA-CAR-T-Zellen nach vier Monaten nicht mehr nachweisbar. Wegen der kurzen Nachbeobachtungszeit ist noch unklar, ob das Auswirkungen auf das Ansprechen hat.
„CAR-T-Zellen beim multiplen Myelom sind ein vielversprechender Ansatz, bei dem noch viele Fragen offen sind.“ Prof. Dr. med. Marie von Lilienfeld-Toal
Interessantes zum neu diagnostizierten multiplen Myelom
Erstlinientherapie bei Patienten, die für eine Transplantation infrage kommen
Die britische MRC-Studie Myeloma XI für Patienten, die für eine Transplantation infrage kommen, wurde detailliert vorgestellt [15, 16]. In dieser nationalen Studie wurde eine Induktionstherapie mit Cyclophosphamid+Thalidomid+Dexamethason (CTD) versus Cyclophosphamid+Lenalidomid+Dexamethason (CRD) versus Carfilzomib+Cyclophosphamid+Lenalidomid+Dexamethason (KCRD) getestet. Patienten mit unzureichendem Ansprechen erhielten eine Intensivierung der Therapie durch Bortezomib+Cyclophosphamid+Dexamethason vor der Transplantation. Nach der Transplantation wurde eine Erhaltungstherapie mit Lenalidomid randomisiert im Vergleich zu keiner Erhaltungstherapie getestet. Auf dem diesjährigen EHA-Kongress wurden insbesondere die Daten zur Ansprechrate auf die verschiedenen Induktionsschemata und die Daten zum Effekt der Erhaltungstherapie für die Arme CTD und CRD vorgestellt.
Insgesamt wurden über 2.500 Patienten in diese Studie eingeschlossen. Das mediane Alter betrug 61 Jahre (von 28 bis 75 Jahren) mit der typischen Verteilung der Paraproteinsubtypen, des Krankheitsstadiums und der Risikokonstellation. Für die Induktionstherapie ergab die Vierfachkombination eine deutlich höhere Ansprechrate als beide Dreifachkombinationen (Abb. 3).
Abb. 3: Ansprechen auf die initiale Induktionstherapie in der Myeloma-XI-Studie: Deutlich höhere Ansprechrate mit der Vierfachkombination (KCDR) als mit beiden Dreifachkombinationen (modifiziert nach
[15])
Die Erhaltungstherapie mit Lenalidomid war mit einem deutlich verlängerten ereignisfreien Überleben vergesellschaftet, wobei dies besonders ausgeprägt war, wenn die Patienten Lenalidomid bereits in der Induktionstherapie erhalten hatten (Abb. 4). Interessanterweise zeigte sich der Vorteil der Lenalidomiderhaltungstherapie über alle Subgruppen hinweg – auch in der Hochrisikogruppe. Dies ist ein Gegensatz zu den bisher veröffentlichten Studien, die bei Hochrisikopatienten keinen Vorteil zeigen konnten (z.B. McCarthy et al. 2012 [17]).
Abb. 4: Zusammenhang zwischen Induktion und Erhaltungstherapie in der Myeloma-XI-Studie: Das beste Ergebnis zeigte sich in der Gruppe mit Lenalidomidinduktions- und -erhaltungstherapie (modifiziert nach
[16]).
„In Übereinstimmung mit anderen Daten bestätigt die Myeloma-XI-Studie den Stellenwert von Lenalidomid bei der Induktion und der Therapie. Für die Induktionstherapie wird wahrscheinlich sowohl in Deutschland als auch in Frankreich und Italien die Kombination aus Proteasominhibitor und Lenalidomid der neue Standard, während der Benefit von Cyclophosphamid zusätzlich zu einer Proteasominhibitor/Immunmodulator-Kombination noch unklar ist. Für Patienten, die einen Proteasominhibitor nicht vertragen, könnte CRD eine attraktive Alternative sein. Der Stellenwert der Erhaltungstherapie mit Lenalidomid wird durch diese Studie zusätzlich unterstützt. Interessanterweise zeigt Myeloma XI im Gegensatz zu vorangegangenen Studien auch für die Hochrisikogruppe einen Überlebensvorteil durch die Erhaltungstherapie mit Lenalidomid.“ Prof. Dr. med. Marie von Lilienfeld-Toal
Erstlinientherapie für Patienten, die für eine Transplantation NICHT infrage kommen
Ixazomib, ein oraler Proteasominhibitor, der in Kombination mit Lenalidomid und Dexamethason für die Behandlung des RRMM zugelassen ist, wurde auch in der Situation des neudiagnostizierten multiplen Myeloms untersucht. Wie erwartet zeigt sich eine hohe Wirksamkeit mit einer Gesamtansprechrate von nahezu 90% für die Kombination Ixazomib+Lenalidomid+Dexamethason [18]. Relevant für die klinische Praxis sind die Ergebnisse der Studie von Richardson et al., in der Ixazomib zweimal in der Woche gegeben wurde. Hier zeigte sich eine etwas höhere Rate an CR+VGPR (68%) als in der bekannten wöchentlichen Dosierung [19]. Weiterhin zeigte diese Studie ebenso wie die Studie von Kumar et al. [18] mit wöchentlicher Dosierung, dass die anhaltende Therapie insbesondere bei Patienten, die keine Hochdosistherapie erhalten, relevant für eine Verbesserung der Ansprechrate ist, da noch im zweiten Jahr der Therapie 20 bis 30% der Patienten eine Vertiefung der Remission erreichten.
Auch die Kombination von Ixazomib mit Chemotherapie liegt nahe. Deshalb wurde Ixazomib mit Melphalan+Prednisolon in einer Phase-I/II-Studie aus Spanien getestet [20]. Die Ergebnisse zeigen, dass Ixazomib 4 mg wöchentlich in Kombination mit Melphalan 6 mg/m2 und Prednisolon 60 mg an den Tagen 1 bis 4 eines 28-Tage-Zyklus verträglich ist. Mit 66% (n = 53) zeigte sich eine vielversprechende Ansprechrate. In circa 5% traten Neuropathien auf. Möglicherweise kann dieses Regime das Standardregime VMP bei älteren Patienten ohne Transplantationsoption als verträglichere und rein orale Behandlungsoption ablösen.
„Die Anzahl möglicher Induktionsregime für Patienten, die nicht für eine Transplantation infrage kommen, nimmt in verwirrender Weise zu. Insgesamt gilt heutzutage, dass auch in diesem Patientenkollektiv ein tiefes Ansprechen erreicht werden kann und auch angestrebt werden sollte, wenn es irgendwie möglich ist.“ Prof. Dr. med. Marie von Lilienfeld-Toal
Relevantes aus der klinischen Praxis
Neben neuen Behandlungsoptionen und großen Therapiestudien gab es auch einige Berichte über andere relevante Aspekte der Betreuung von Myelompatienten. Beispielsweise war die Supportivbehandlung von Knochenläsionen das Thema im Vortrag von Terpos et al. [21]. Er stellte eine große internationale Studie mit über 1.700 Patienten vor, die bei der Erstdiagnose zwischen Denosumab oder Zoledronsäure randomisiert wurden. Primärer Endpunkt war die Nichtunterlegenheit von Denosumab bezüglich Knochenkomplikationen. Dieser primäre Endpunkt wurde – bei möglicherweise etwas besserer Verträglichkeit insbesondere bezüglich renaler Toxizität – erreicht. Notabene unterschied sich die Inzidenz von Kieferosteonekrosen unter Denosumab mit 4% nicht signifikant von der Inzidenz unter Zoledronsäure (2,8%). Die Autoren stellten noch einen potentiellen Vorteil durch Denosumab von zehn Monaten bezüglich des progressionsfreien Überlebens dar. Allerdings war dieser Endpunkt im Studiendesign nur explorativ aufgenommen worden, daher sollte das Ergebnis mit Vorsicht beurteilt werden.
Fazit
- Denosumab ist eine gute Alternative zu Bisphosphonaten bei Patienten mit multiplem Myelom, wobei die Vorteile gegenüber Zoledronsäure nur mäßig sind.
„Es ist fraglich, ob diese Daten Denosumab als neuen Standard rechtfertigen.“ Prof. Dr. med. Marie von Lilienfeld-Toal
Aus der eigenen Gruppe wurden Daten zur Infektionshäufigkeit bei Patienten mit multiplem Myelom dargestellt [22]. Zusammengefasst erleiden mehr als 60% aller Myelompatienten im Laufe ihrer Therapie eine Infektion, meist bakterieller Genese. Unabhängige Risikofaktoren sind die Tumorlast, Rezidive und Hochdosistherapie. Leider ist in den letzten Jahren keine Verminderung der Infektionsrate gelungen.
Hoffnungsvollere Daten bezüglich der Therapieverbesserung in den letzten Jahren kamen aus Schweden und Island [23]. In einer Kohortenstudie, die mehr als 21.000 Patienten mit multiplem Myelom umfasst, konnte ein eindrucksvoller Anstieg der Lebenserwartung demonstriert werden (Abb. 5). Erstmals betrifft dieser Fortschritt beim Überleben auch die älteren Patienten über 70 Jahre. Die Autoren schlussfolgern, dass dies vor allem auf den Einsatz neuer Therapieoptionen zurückzuführen ist. Die Daten unterstreichen, dass auch alte Patienten von neuen Therapieoptionen profitieren und in der klinischen Praxis entsprechend behandelt werden sollten.
Abb. 5: Entwicklung der 5-Jahresüberlebenswahrscheinlichkeit beim multiplen Myelom in Abhängigkeit vom Alter seit 1970: Deutliche Verbesserung der Prognose, auch für ältere Patienten (modifiziert nach
[23])
Fazit vom EHA-Kongress 2017
Die Lebenserwartung von Myelompatienten hat sich in den letzten Jahren dramatisch verbessert. Dies ist vor allem einem besseren Verständnis der Biologie und neuer Therapieoptionen zu verdanken, deren kontinuierliche Weiterentwicklung ungebremst fortschreitet. Für die klinische Praxis bedeutet dies neben der Notwendigkeit einer differenzierten Diagnostik auch die verwirrende Vielfalt moderner Behandlungsregime. Erste Daten unterstreichen das Potential, auch beim multiplen Myelom die Therapie zu individualisieren – eine Entwicklung, die sich in den nächsten Jahren wahrscheinlich fortsetzen wird.
Quellen
- Sonneveld P et al. Treatment of multiple myeloma with high-risk cytogenetics: a consensus of the International Myeloma Working Group. Blood 2016; 127: 2955–2962.
- Ross J et al. BCL2 expression is a potential predictive biomarker of response to venetoclax in combination with bortezomib and dexamethasone in patients with relapsed/refractory multiple myeloma. Poster Presentation: 14. Myeloma and other monoclonal gammopathies – Clinical, EHA 2017, Madrid, abstract P682.
- Munshi NC et al. Association of Minimal Residual Disease With Superior Survival Outcomes in Patients With Multiple Myeloma: A Meta-analysis. JAMA Oncol 2017; 3: 28–35. http://jamanetwork.com/journals/jamaoncology/article-abstract/2552677
- Chiu C et al. Next generation sequencing (NGS) methodology for determining cytogenetic risk status in the daratumumab phase 3 CASTOR and POLLUX studies in relapsed or refractory multiple myeloma (RRMM). Oral Presentation: 14. Myeloma and other monoclonal gammopathies – Clinical, EHA 2017, Madrid, abstract S100.
- San-Miguel J et al. Efficacy by cytogenetic risk status for daratumumab in combination with lenalidomide and dexamethasone or bortezomib and dexamethasone in relapsed or refractory multiple myeloma. Oral Presentation: 14. Myeloma and other monoclonal gammopathies – Clinical, EHA 2017, Madrid, abstract S101.
- Weisel K et al. Efficacy and safety of daratumumab, bortezomib and dexamethasone (DVd) versus bortezomib and dexamethasone (Vd) in relapsed or refractory multiple myeloma (RRMM): updated analysis of CASTOR. Presented at Oral Presentation: 14. Myeloma and other monoclonal gammopathies – Clinical, EHA 2017, Madrid, abstract S459.
- Dimopoulos MA et al. Efficacy and safety of daratumumab, lenalidomide, and dexamethasone (DRd) versus Rd alone in relapsed or refractory multiple myeloma (RRMM): updated analysis of POLLUX. Presented at Poster Presentation: 14. Myeloma and other monoclonal gammopathies – Clinical, EHA 2017, Madrid, abstract P334.
- Dimopoulos MA et al. Phase 3 ELOQUENT-2 study: extended 4-year follow-up of elotuzumab plus lenalidomide/dexamethasone vs lenalidomide/dexamethasone in relapsed/refractory multiple myeloma. Presented at Oral Presentation: 14. Myeloma and other monoclonal gammopathies – Clinical, EHA 2017, Madrid, abstract S456.
- Mikhael J et al. A phase Ib study of isatuximab plus pomalidomide (Pom) and dexamethasone (Dex) in relapsed/refractory multiple myeloma (RRMM). Presented at Oral Presentation: 14. Myeloma and other monoclonal gammopathies – Clinical, EHA 2017, Madrid, abstract S457.
- Ribrag V et al. Pembrolizumab monotherapy for relapsed/refractory multiple myeloma (RRMM): phase 1b KEYNOTE-013 study. Poster Presentation: 14. Myeloma and other monoclonal gammopathies – Clinical, EHA 2017, Madrid, abstract P344.
- Minnema M et al. HOVON 104; final results from a multicenter, prospective phase II study of bortezomib based induction treatment followed by autologous stem cell transplantation in patients with de novo al amyloidosis. Oral Presentation: 14. Myeloma and other monoclonal gammopathies – Clinical, EHA 2017, Madrid, abstract S411.
- Gertz MA et al. Patients with light chain amyloidosis treated with NEOD001 achieve rapid organ responses that are independent of previous plasma cell-directed therapies. Oral Presentation: 14. Myeloma and other monoclonal gammopathies – Clinical, EHA 2017, Madrid, abstract S104.
- Moreau P et al. A phase 1b study of venetoclax combined with bortezomib and dexamethasone in patients with relapsed/refractory multiple myeloma. Oral Presentation: 14. Myeloma and other monoclonal gammopathies – Clinical, EHA 2017, Madrid, abstract S460.
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- Richardson P et al. Twice-weekly ixazomib plus lenalidomide-dexamethasone in patients with newly diagnosed multiple myeloma: long-term follow-up data for patients who did not undergo stem cell transplantation (SCT). Oral Presentation: 14. Myeloma and other monoclonal gammopathies – Clinical, EHA 2017, Madrid, abstract S780.
- San Miguel J et al. The oral proteasome inhibitor ixazomib in combination with melphalan-prednisone (MP) for patients (Pts) with newly diagnosed multiple myeloma (NDMM): phase 1/2 dose-escalation study (NCT01335685). Poster Presentation: 14. Myeloma and other monoclonal gammopathies – Clinical, EHA 2017, Madrid, abstract P339.
- Terpos E et al. Comparison of denosumab (DMB) with zoledronic acid (ZA) for the treatment of bone disease in patients (Pts) with newly diagnosed multiple myeloma; an international, randomized, double blind trial. Presented at Oral Presentation: 14. Myeloma and other monoclonal gammopathies – Clinical, EHA 2017, Madrid, abstract S782.
- Von Lilienfeld-Toal M et al. Infections in multiple myeloma are frequent and predominantly caused by bacteria: results of a 12-year survey from a single center. Poster Presentation: 29. Infectious diseases, supportive care, EHA 2017, Madrid, abstract P647.
- Thorsteinsdottir S et al. Improved survival in 21,465 multiple myeloma patients: results from a population-based study. Poster Presentation: 14. Myeloma and other monoclonal gammopathies – Clinical, EHA 2017, Madrid, abstract P330.
- Bildnachweis: „Plaza Mayor with statue of King Philips III in Madrid, Spain”: © maylat/Fotolia; "Detail of Bullring of Las Ventas in Madrid, Spain.": © maylat/Fotolia