ESMO 2025
17. bis 21. Oktober, Berlin
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wissenschaftliche Highlights mitExpertenmeinungen zur Praxisrelevanz
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Dr. med. Dagmar Langanke, St. Elisabeth-Krankenhaus Leipzig
Das Mammakarzinom ist einerseits das häufigste Karzinom der Frau in Deutschland, es gilt aber andererseits auch als das solide Karzinom mit den besten Heilungschancen. Das aktuelle 10-Jahres-Gesamtüberleben liegt bei bis zu 86 % [1]. Bei diesem prognostisch günstigen Tumor rücken zunehmend die Vermeidung von Übertherapie sowie Langzeittoxizitäten in den Fokus der Forschung. Beim hormonabhängigen Mammakarzinom wird bislang noch in bis zu 60 % der Fälle eine Chemotherapie empfohlen. Dabei stellt sich die Frage, ob auch eine alleinige endokrine Therapie ausreichend sein könnte. Der diesjährige Kongress der European Society for Medical Oncology (ESMO) in Wien stand ganz im Zeichen der weiteren Individualisierung der Mammakarzinomtherapie.
Neben klassischen histopathologischen Faktoren (Grading, Ki 67) können Genexpressionsanalysen zur genaueren Abgrenzung des hormonrezeptorpositiven (HR+) Mammakarzinoms und zur Unterscheidung zwischen Luminal-A- und Luminal-B-Tumoren eingesetzt werden. Diese sichere Einordnung ist für die Planung der adjuvanten Therapie und insbesondere für die Empfehlung einer Chemotherapie in dieser Patientengruppe von großer Bedeutung.
Die Arbeitsgemeinschaft gynäkologische Onkologie Mamma (AGO Mamma) empfiehlt den Einsatz von Genexpressionsanalysen bei ausgewählten Patientengruppen, wenn alle anderen Kriterien keine klare Therapieentscheidung zulassen. Bei der Vielzahl an Tests ist unklar, welcher der geeignetste ist. Valide Ergebnisse liegen für den „Oncotype DX Recurrence Score“ (RS) vor, jedoch fehlten bislang prospektive Daten. Die mit Spannung erwartete TAILORx-Studie wurde von J. Sparano auf dem diesjährigen ESMO-Kongress vorgestellt [2]. Patientinnen mit hormonrezeptorpositivem, HER2- und nodalnegativem Brustkrebs mit intermediärem Risiko (die primär eine Chemotherapieindikation gehabt hätten) wurden mittels RS in eine Gruppe mit niedrigem und eine Gruppe mit hohem Risiko eingeteilt. Vorgestellt wurden die Ergebnisse der Patientinnen mit niedrigem Risiko, die eine rein endokrine Therapie erhalten hatten. Von den insgesamt 10.273 eingeschlossenen Patientinnen hatten knapp 16 % ein niedriges Risikoprofil (RS 0–10). Das krankheitsfreie 5-Jahres-Überleben lag bei 93,8 % (einschließlich Lokalrezidiven und Sekundärkarzinomen), das fernmetastasenfreie Überleben lag sogar bei 99,3 %. Das Gesamtüberleben betrug nach 5 Jahren 98 % (Abb. 1).
Damit konnte erstmals gezeigt werden, dass Patientinnen, die nach den histopathologischen Kriterien eine Chemotherapie erhalten hätten, aber mittels Oncotype-DX-Test einen niedrigen RS erzielten und rein endokrin therapiert wurden, nach 5 Jahren eine sehr niedrige Rezidivrate aufwiesen.
Zum gleichen Thema wurden von O. Gluz die ersten prospektiven Überlebensdaten der Plan-B-Studie der Westdeutschen Studiengruppe (WSG) vorgestellt [3]. Die Studie untersuchte einerseits den Stellenwert einer anthracyclinfreien Chemotherapie für HER2-negative Tumore und andererseits das Outcome für HR+-Patientinnen, bei denen aufgrund eines niedrigen RS auf die Chemotherapie verzichtet wurde. Hierzu wurden diese Patientinnen mittels Oncotype-DX-Test in eine hohe oder niedrige Risikogruppe stratifiziert (RS > 11 vs. =< 11). Im Gegensatz zur TAILORx-Studie wurden auch nodalpositive Patientinnen (< 4 Lymphknoten) eingeschlossen. Die lokalen pathologischen Ergebnisse wurden durch eine zentrale Pathologie überprüft. Dabei zeigte sich eine gute Übereinstimmung des Hormonrezeptor- und des HER2-Status, jedoch eine hohe Abweichung im Bereich des Gradings. Auch der Vergleich der Subtypen (Luminal A und B) mit dem RS zeigte, dass die Gentestergebnisse häufig nicht mit dem histopathologischen Ergebnis übereinstimmen. Das krankheitsfreie 3-Jahres-Überleben von 98 % zeigte – übereinstimmend mit der TAILORx-Studie – sehr gute Ergebnisse für die Gruppe mit niedrigem Risiko, welche rein endokrin therapiert wurde (Abb. 2).
Auch die englische Optima-Studie beschäftigt sich mit dem Nutzen von Genexpressionsanalysen bei Hochrisikopatientinnen [4]. Dabei wurde in einer Pilotstudie der Vergleich von 5 Assays durchgeführt, bei dem sich nur in 39 % eine Übereinstimmung hinsichtlich des Risikoscores bei der einzelnen Patientin fand. Im Rahmen einer Kostenanalyse wurde festgestellt, dass Tests, die den Nutzen einer Chemotherapie voraussagen können, wahrscheinlich kosteneffektiv sind.
Fazit
„In unserem Brustzentrum setzen wir Genexpressionsanalysen ein, wenn wir nicht sicher zwischen Luminal-A- und -B-Karzinomen unterscheiden können, also bei Ki-67-Werten zwischen 15 und 25. Dadurch können wir unnötige Chemotherapien vermeiden.“ Dr. med. Dagmar Langanke
Bei einer neu aufgetretenen Metastasierung wird aufgrund eines möglichen Rezeptorwechsels (in bis zu 46 % [5]) immer eine Biopsie der Metastase empfohlen (Leitlinie AGO Mamma). Zum besseren Verständnis von ursächlichen Faktoren für Metastasierungen beim Mammakarzinom trug der Beitrag von Frau L. Yates bei [6]. In der vorgestellten Studie wurden 253 Gewebsproben aus Metastasen oder Rezidiven sequenziert und mit Daten von Primärtumoren verglichen. Es wurden 11 Gene identifiziert, die im Vergleich zum Primärtumor in den Metastasen verstärkt exprimiert wurden (z. B. PI3K-AKT-Signalweg, P53, Östrogenrezeptor-Signalweg). Diese sogenannten Treibermutationen können sich im Laufe der Erkrankung ändern und eine Ursache für ein Therapieversagen sein.
Auch der Beitrag von Herrn W. Janni, der die ersten Daten der DETECT-Studiengruppe vorstellte, untermauerte die Hypothese einer Veränderung der Tumorbiologie im Lauf der Erkrankung [7]. Es wurden Blutproben von 1.123 Patientinnen mit HER2-negativem Mammakarzinom hinsichtlich des Auftretens von zirkulierenden Tumorzellen (CTCs) untersucht. 63 % dieser Patientenkohorte wiesen CTCs auf, besonders häufig fanden sie sich bei lobulären Karzinomen und bei Tumoren mit hohem Nodalbefall. Diskordanzen zwischen HER2-negativem Primärtumor und zirkulierenden Tumorzellen wurden in 18,8 % der Fälle nachgewiesen. Das Auftreten HER2-positiver CTCs war besonders häufig mit hormonrezeptorpositiven und lobulären Karzinomen assoziiert. Inwieweit eine Anti-HER2-gerichtete Therapie in dieser Patientengruppe wirksam ist, untersucht derzeit die DETECT-III-Studie.
Fazit
„Im klinischen Alltag gelingt es leider nicht immer, eine suffiziente Histologie aus der Metastase zu gewinnen.“ Dr. med. Dagmar Langanke
Neue Therapien werden nicht nur nach ihrer Wirksamkeit bewertet, sondern auch hinsichtlich der Lebensqualität für die Patientin. Die Analyse der Lebensqualität (patient reported outcome) der Paloma-3-Studie zeigte sehr gut, dass der Einsatz von Palbociclib + Fulvestrant beim HR+/HER2-negativen metastasierten Mammakarzinom gegenüber dem Vergleichsarm Placebo + Fulvestrant zu einer signifikanten Verbesserung der Lebensqualität führte (Abb. 3) [8]. Auch Übelkeit, Erbrechen und Schmerzen waren gegenüber dem Vergleichsarm signifikant geringer. Damit erreichte die Paloma-3-Studie auf der ESMO-Nutzen-Nebenwirkungsskala [9] optimale Werte.
Fazit
Der Stellenwert von Avastin in der Therapie des metastasierten Mammakarzinoms wurde beim ESMO-Kongress durch zwei Studien bestätigt. In der TURANDOT-Studie wurde Bevacizumab-Paclitaxel (Bev-Pac) versus Bevacizumab-Capecitabin (Bev-Cap) als Erstlinientherapie beim HER2-negativen lokal rezidivierten oder metastasierten Brustkrebs getestet [11]. Das Gesamtüberleben im Bev-Cap-Arm lag bei 26,1 Monaten gegenüber dem Bev-Pac-Arm mit 30,2 Monaten und war damit dem Standardarm nicht signifikant unterlegen. Die MERiDiAN-Studie bestätigte die konsistenten Daten von Bevacizumab-Paclitaxel beim HER2-negativen metastasierten Mammakarzinom mit einem progressionsfreien Überleben von 11 Monaten [12]. VEGF-A im Plasma konnte hingegen nicht als prädiktiver Marker für das Ansprechen auf die Therapie bestätigt werden.
Fazit
„Avastin besitzt unverändert einen Stellenwert in der Behandlung des metastasierten Mammakarzinoms, besonders beim triple negativen Typ.“ Dr. med. Dagmar Langanke
Eine multizentrische italienische Studie mit 215 Patientinnen untersuchte den Einsatz von nab-Paclitaxel in dreiwöchentlicher (260 mg/m²) versus wöchentlicher Applikation (125 mg/m²) [13]. Das mediane progressionsfreie Überleben betrug in der Gesamtpopulation 7,8 Monate, die klinische Benefitrate lag bei 82 %. Die Nebenwirkungen waren moderat, am häufigsten traten Fatigue, Neutropenie, Leukopenie, periphere Neuropathie und Alopezie auf. Die mediane Behandlungszeit betrug 6 Monate. Die Subgruppenanalyse ergab ein gutes Ansprechen auf nab-Paclitaxel, unabhängig von Alter, Metastasenlokalisation, vorangegangener Taxanbehandlung, Therapielinie oder Dosierschema. Die Autoren empfehlen entsprechend ihrer Daten, nab-Paclitaxel in früheren Therapielinien einzusetzen. Sie schlussfolgerten, dass nab-Paclitaxel sowohl wöchentlich als auch dreiwöchentlich appliziert eine wirksame Therapie darstellt und insbesondere auch eine Option für ältere Patientinnen (>= 65 Jahre) ist. Sie empfehlen für die klinische Praxis, dass nab-Paclitaxel die bevorzugte Behandlung beim triple negativen und hormonrezeptorpositiven Mammakarzinom sein sollte, auch bei Vorbehandlung mit Taxanen.
Die Daten der PERUSE-Studie [14] zeigten, dass nab-Paclitaxel als Kombinationspartner mit Trastuzumab und Pertuzumab in der Behandlung des HER2-positiven metastasierten Mammakarzinoms eingesetzt werden kann. Es wurden neben Docetaxel als bekanntem Kombinationspartner der Zulassungsstudie (Cleopatra-Studie[15]) auch Paclitaxel und nab-Paclitaxel getestet. Die Verträglichkeit von Paclitaxel und nab-Paclitaxel war gegenüber Docetaxel besonders hinsichtlich der Neutropenie deutlich überlegen (Abb. 4). Unerwartete Nebenwirkungen traten nicht auf. D. Miles schlussfolgerte, dass die duale Blockade auch mit Paclitaxel oder nab-Paclitaxel gut möglich und tolerabel ist.
Fazit
„Im Leipziger Brustzentrum setzen wir nab-Paclitaxel auch im adjuvanten Setting alternativ zu Paclitaxel ein, wenn eine Kontraindikation für den alkoholhaltigen Lösungsvermittler besteht (z. B. bei Alkoholikerinnen) oder bei Typ-II-Diabetikern, die unter einer Metforminmedikation stehen (Arzneimittelinteraktion).“ Dr. med. Dagmar Langanke